Apps für die kreative Arbeit nutzen: „App-solut-lesen“

Filme schneiden oder Comics zeichnen verlangte vor einigen Jahren noch viele technische Kenntnisse. Durch die Entwicklung von anwenderfreundlichen Apps ist dies nun auch für Menschen ohne technische Vorkenntnisse machbar. So lassen sich Apps sehr gut in die pädagogische und kreative Arbeit mit Kindern einbinden, wie das bayerische Leseföderungsprojekt „App-solut-lesen“ aus Kaufbeuren zeigt.

Idee und Vorbereitung

Michaela Gemkow, Leiterin der Bibliothek Kaufbeuren, wurde beim Bibliothekartag 2016 motiviert, selbst ein Projekt mit Apps zu starten. Gemeinsam mit lokalen Partnern, wie dem Bildungsbüro, dem Generationenhaus und der Freiwilligenagentur Knotenpunkt gründete sie ein Netzwerk und entwickelte die Projektidee: Kinder im Grundschulalter gestalten Kinderbuchgeschichten kreativ um, indem sie diese in eine digitale Form bringen.

Gruppenarbeit mit Apps

In Kaufbeuren fanden sich gleich zwei Gruppen mit jeweils 15 Kindern. Seit Februar treffen sie sich, insgesamt zu zehn Terminen. Der begleitende Medienpädagoge Marko Schwart erläutert, dass jedes Treffen zur Hälfte mit dem Buchlesen sowie mit der Nutzung des Tablets aufgeteilt ist. „Es ist wichtig, Überforderung sowie eine Überreizung der Kinder zu vermeiden! Deswegen sind kindgerechte Teilschritte, Lebensnähe, Aktivität und Anschauung so wichtig.“ Zum Projekteinstieg rät er zunächst einfache, niedrigschwellige Apps zu verwenden und Schritt für Schritt komplexere Apps einzubauen.

Neben der Betreuung durch zwei Medienpädagogen unterstützen ehrenamtliche Lesepaten das Projekt. Kinder, die schon Erfahrung in der Mediennutzung haben, helfen ihren Mitstreitenden bei Bedienung der Geräte.

Vom Buch zum eigenen Kunstwerk

Zum Projektstart suchten sich die Kinder zunächst Kinderbücher aus: Die Wahl traf auf die „Rotzschleimtorte für alle!“ von Jochen Till und „Gangsta Oma“ von David Walliams. Partizipation wird in Kaufbeuren groß geschrieben: die Kinder bestimmen die Rollenverteilung, die Entwicklung des Drehbuches und die Zeitplanung. Bei der Einführung zum Umgang mit digitalen Medien behandelten sie auch rechtliche Grundlagen bei Bildaufnahmen.

Im Vordergrund des Projektes steht jedoch die Kreativität. In der Gruppe „Rotzschleimtorte“ wird ein Hörbuch produziert. Jedes Kind probiert dabei alle Aufgaben aus. So müssen die Kinder selbst kreative Wege finden, um passende Hintergrundgeräusche zu erzeugen, wie Schnarchen oder Knallen. Ein weiteres Team übt sich im Vorlesen und Schnitt der Tonspuren. Für die technische Umsetzung wird eine App zur Tonaufnahme verwendet und ein Mikrofon an die Tablets angeschlossen.

Die Gruppe „Gangsta Oma“ entschied sich einen Film zu drehen. Dafür lasen sich die Kinder in Zweiergruppen mit großem Durchhaltevermögen einzelne Kapitel gegenseitig vor. Dann wählten sie Szenen aus und entschieden, wie diese filmisch oder fotografisch umgesetzt werden können. Anschließend sprachen sie die Szenen ein. Verschiedene Apps erwiesen sich hier als handhabbar, von leichteren Angeboten, wie Clip2Comic und CartoonCam und anspruchsvolleren Apps, wie iMotion oder iMovie.

Das Hörbuch und den Film stellen die Kinder in den kommenden Wochen fertig und präsentieren sie bei einem Abschlussfest ihren Eltern.

Zwischenbilanz und Tipps für ein gutes Gelingen

Um eine ausschweifende Tablet-Nutzung zu vermeiden, ist es wichtig, gemeinsam mit den Kindern klare Regeln aufzustellen. Zum Bergfest wurde den Kindern die bisherigen, beeindruckenden Ergebnisse vorgeführt, was sie motivierte die Regeln und Zeitpläne einzuhalten. Ratsam ist es, weniger Kapitel auszuwählen und den Kindern Zeit und Raum für die Gestaltung und kreative Umsetzung zu lassen. Aus diesem Grund wurde der Filmschnitt ausgelagert.

„Einige Kinder berichten, dass sie so begeistert sind und nun Zuhause auch kleine Hörspiele und Filme erstellen, eine Möglichkeiten von der sie selbst zuvor nichts wussten“, freut sich Michaela Gemkow. „Genau das wollten wir erreichen!“

Der Artikel erschien im Rahmen des redaktionellen Angebots des Initiativbüros "Gutes Aufwachsen mit Medien" im Mai 2017. Hier geht es zum Originalartikel.